Millionen Arten ohne Namen: Das unbekannte Reich der Pilze

schizophyllum commune
Tuesday, 27. April 2021

Ob beim Brotbacken, im Käse, als Krankheitserreger, Heilmittel oder muffiger Geruch einer alten Picknickdecke: Pilze sind in unserm Alltag überall zu finden. Rund 150.000 Arten haben Forscher*innen weltweit in den vergangenen 300 Jahren beschrieben und damit erst einen Bruchteil der vermuteten Artenvielfalt entdeckt. Aktuellen Schätzungen zufolge könnte es noch etwa drei Millionen unbeschriebene Pilze geben. Wird die bisherige wissenschaftliche Praxis beibehalten, bräuchte es noch weitere 6.000 Jahre, um alle Pilzarten zu bestimmen und Licht in das unbekannte Reich der Pilze zu bringen.

Doch es gibt Hoffnung: Neue Technologien haben für Forschung und Wissenschaft im neuen Jahrtausend gewaltige Potenziale eröffnet. Alleine die Umwelt-DNA-Sequenzierung (eine Methode, bei der Erd- oder Wasserproben auf enthaltene DNA-Sequenzen untersucht werden) hat in wenigen Jahren so viele Datenpunkte angehäuft wie es Sterne in unserer Galaxie gibt und diese Datenmasse wächst exponentiell. Die Methode ermöglicht es, innerhalb kurzer Zeit praktisch alle in einem Gebiet existierenden Pilzarten zu erfassen. Doch es gibt ein Problem: Die gewonnenen Daten enthalten lediglich Informationen über die DNA, nicht aber über Aussehen oder Lebensweise neu entdeckter Arten. Für die wissenschaftlich anerkannte Namensgebung sind diese massenhaft gewonnenen Daten daher derzeit nicht zugelassen – der International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants fordert hier eine umfassende Beschreibung.

schizophyllum commune

Schizophyllum commune (Gemeiner Spaltblättling). Foto: R. Lücking / Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin

Ein internationales Team führender Mykolog*innen hat nun in einer aktuellen Veröffentlichung in Nature Microbiology einen Vorschlag dargelegt,  wie das wissenschaftliche Prozedere an die neuen Möglichkeiten der digitalisierten Forschung angepasst werden kann. Robert Lücking, Pilz- und Flechtenspezialist und Kustos am Botanischen Garten und Botanischen Museum der Freien Universität Berlin, ist Erstautor der neuen Studie. Für ihn sind die vorgeschlagenen Anpassungen unumgänglich: „Um die mit Hilfe der Umwelt-DNA-Sequenzierung entdeckten Pilzarten effektiv und nachhaltig zu katalogisieren, bedarf es grundlegender Änderungen in der Art und Weise, wie Pilze benannt werden. Man kann sich das wie eine notwendige Verfassungsänderung vorstellen, für die alle Parteien an einem Strang ziehen müssen. Kein leichtes, aber ein wichtiges Unterfangen." sagt Lücking.

Die Entscheidung liegt nun bei der internationalen wissenschaftlichen Community. Sie wir zeitnah entscheiden, ob die neue Strategie angenommen wird und Millionen Pilze vielleicht bald einen Namen bekommen.

Link zur Studie
Fungal taxonomy and sequence-based nomenclature
https://doi.org/10.1038/s41564-021-00888-x